Kommentar zu den sieben Erleuchtungsgliedern aus dem Buch "the seven prayers"
Beate Sandor und Peter Riedl, Octopus 2001, EUR 14,80

Eigentlich ist es ganz einfach
Die 7 Erleuchtungsglieder


Peter Riedl

Wenn wir uns ehrlich fragen, was wir wirklich wollen, so ist das immer das gleiche: Es soll uns gut gehen, wir wollen in Sicherheit und Gesundheit alt werden. Doch das gelingt nicht. Ständig fehlt etwas für unser Wohlbefinden. Wir ärgern uns über Verwandte und Freunde, wir haben Krankheiten und Unfälle, es gibt Kriege und Umweltverschmutzung, wir werden alt und müssen sterben. Das Leben ist eine mühselige Angelegenheit. Nicht immer aber immer wieder. Vor 2500 Jahren hat ein Mann gelebt, der hat das ähnlich gesehen, Siddharta Gautama, später wurde er Buddha genannt. Ihn interessierte auch, warum das Leben (immer wieder) so beladen, so trübselig ist. Was er herausfand ist verblüffend einfach: nicht die anderen machen es uns schwer, sondern wir selber!
Er hat gelehrt, es lassen sich zwar nicht alle Probleme lösen, aber wir müssen an ihnen nicht leiden. Dazu bedarf es einiger Fähigkeiten, die man entwickeln kann: Achtsamkeit, Untersuchung, Willenskraft, Verzückung, Gelassenheit, Sammlung, Gleichmut. Diese werden auch als die sieben Erleuchtungsglieder bezeichnet.


1. Prayer to the sun
Achtsamkeit


der anfang von allem
ohne sie geht es nicht
die grundlage der übung
der körper
die gefühle
das denken
die großen zusammenhänge
in steter übung
die konzentration auf das eine
ein erstes gelingen
der raum weitet sich
gewahrsam in allem
das ist das erste gebet

Kommentar:
Der Anfang von allem, ohne sie geht es nicht.

Das erste Fähigkeit auf dem Weg zu einem bewussten Leben ist die Achtsamkeit, sie ist die Basis. Durch Achtsamkeit entsteht Kraft und sie erhellt das Gewirr der eigenen Gedanken und Gefühle. In dem Gedicht wird sie daher als Sonne symbolisiert.

Die Grundlage der Übung: der Körper, die Gefühle, das Denken, die großen Zusammenhänge.

Es geht um unsere Aufmerksamkeit, dauernd ist sie nach Aussen gerichtet, auf den Film, den wir sehen, das Essen, das wir genießen, auf Freunde und Unterhaltung. So ist uns ein erheblicher Teil der eigegen Gefühle, Gedanken und Absichten unbewusst. Es wurden zahlreiche Methoden und Wege gelehrt, unsere Aufmerksamkeit zu schulen und nach innen zu richten. Yoga, Tai Chi und viele andere sind bekannt. Die erste Grundlage der Achtsamkeit ist der Körper (1). Man bemüht sich, darauf zu achten, ob man liegt, sitzt, steht oder geht. Wenn man auf die U-Bahn wartet, kann man das feststellen. «Jetzt stehe ich». Man kann das denken, aber auch spüren und wahrnehmen. Wenn das mit dem Körper funktioniert, kann man die Achtsamkeit auf die Gefühle (2) und die Gedanken (3) ausdehnen.
Die 4. Grundlage der Übung sind die «Gegenstände der Lehre». Diese sind im Prinzip das Leben selbst. Am Anfang werden es die Zusammenhänge der eigenen Lebensproblematik, der Denkmuster und persönlichen und kollektiven Vorurteile sein. Führt die Übung zu größerer Klarheit, können darüber hinaus sämtliche Zusammenhänge des Lebens erkannt werden.

Die Konzentration auf das eine. Ein erstes Gelingen, der Raum weitet sich.

Achtsamkeit kann man auch in der Meditation durch Konzentration üben. Man kann sich auf den Atem konzentrieren, ein oder mehrere Worte (Mantra, Gebet), innere Bilder (Visualisation) etc. Gelingt es, die 'einspitzige' Konzentration über einige Zeit aufrecht zu erhalten, also nicht mehr daran zu denken, warum ich so wenig verdiene, wohin ich auf Urlaub fahren möchte, sondern wirklich bei einem Inhalt im Geist zu bleiben, mich auf den Atem, das Wort, ein Bild zu konzentrieren, entsteht etwas neues. Der Geist vertieft sich. Denkinhalte verändern sich, das Denken kann völlig aufhören, Raum und Zeit können anders wahrgenommen werden.

Gewahrsam in allem. Das ist das erste Gebet.

Durch die kontinuierliche Übung wird das Denken während der Übung der Meditation und im alltäglichen Leben ruhiger und klarer. Anstrengungslos gelingt es, sich sämtlicher Gedankeninhalte und der begleitenden Gefühle bewusst zu sein. Wenn ich mich ärgere, weiß ich dass ich mich ärgere, wenn ich auf die U-Bahn warte, weiß ich, dass ich stehe, warte, mich langweile, ungeduldig werde, friere. Wenn das alles anstrengungslos immer gelingt, wird das Gewahrsamkeit genannt. Ihre Verwirklichung führt in die Tiefe des Menschseins und wird deshalb in diesem Gedicht als «Gebet» bezeichnet. 


2. prayer to the sea
Untersuchung

ich sitze und atme
sitzen und atmen
erinnerungen
alte gefühle werden lebendig
die kindheit war schwer
der vater
die mutter
auch sie haben probleme
von einem geschlecht
zum anderen
die muster im denken entstehen
zweifel in und an allem
energie geht verloren
im rückblick ein faden
ein erster knoten löst sich
und weitere knoten
klarheit entsteht
durch die konzentration auf das eine
das ist das zweite gebet

Kommentar:
Ich sitze und atme - sitzen und atmen

Ein wesentlicher Aspekt der Übung ist es, den Geist zu konzentrieren. Von dem vielen, das wir ständig im Kopf haben («ich möchte mehr Geld verdienen», «warum ist meine Freundin nicht netter zu mir?») sich auf ein Objekt konzentrieren. Das kann der Atem sein, ein Wort, ein Punkt im Körper. Jetzt sitze nicht ich und atme, sondern da ist nur sitzen und atmen.

Erinnerungen, alte Gefühle werden lebendig. Die Kindheit war schwer. Der Vater, die Mutter, auch sie haben Probleme. Von einem Geschlecht zum anderen. Die Muster im Denken entstehen. Zweifel in und an allem. Energie geht verloren.

Gelingt das, kommt man mit tieferen Schichten des Bewusstseins in Berührung. Sie sind so tief und unendlich wie das Meer. Häufig kommt man am Beginn eines Entwicklungsprozesses mit den eigenen, in der Kindheit erlebten psychischen Verletzungen und Gefühlen in Kontakt. Es ist das die psychotherapeutische Seite der Meditation. Denk- und Verhaltensmuster übertragen sich von einer Generation auf die andere, über Großeltern auf die Eltern und von diesen auf deren Kinder. Auch wenn wir meinen, das Gegenteil der Eltern zu tun, ist es oft das gleiche nur mit umgekehrten Vorzeichen. Weil wir als Kinder schwach und klein waren, haben wir uns als Opfer erlebt. Diese Gedankenmuster werden auch im Erwachsenenleben aufrecht erhalten. In immer gleicher Abfolge graben sich tiefe Denkspuren in das Gehirn. So viel haben wir immer wieder versucht und sind immer auch wieder gescheitert. Zweifel an dem was wir tun entstehen, da sich dauerhaftes Wohlbefinden nicht einstellt. Solange wir zweifeln, leben wir in Sorge. In allem und jedem werden Gefahren gesehen.

Im Rückblick ein Faden, ein erster Knoten löst sich, und weitere Knoten. Klarheit entsteht, durch die Konzentration auf das eine. Das ist das zweite Gebet.

Werden Zweifel endgültig überwunden, entsteht Kraft, da das zweifelnde Denken Energie verbraucht. Mit dieser neuen Kraft können alte Probleme neu gesehen werden. Es gelingt auftauchende Probleme nicht mehr lösen zu wollen, sondern beim Problem zu bleiben, es zu durchdringen und in seiner ganzen Tiefe zu verstehen. So kann es sich lösen. Sind alle Zweifel gelöst, beginnt ein neues Leben. Im frühen Buddhismus wird das als «Stromeintritt» bezeichnet. Man ist jetzt bereit den vermeintlich sicheren Standort auf dieser Seite des Lebensflusses aufzugeben und die Reise ans andere Ufer anzutreten. 


3. prayer to the wind
Willenskraft

die malerin
malt und spricht
malen und sprechen
das mantra
myo ho ren ge kyo
myo ho ren ge kyo
myo ho ren ge kyo
erinnerungen
alte gefühle werden lebendig
sie berührt die kraft
bilder steigen auf, gefühle
1 bild
3 bilder
sie betet
myo ho ren ge kyo
beten und malen
freude entsteht
die Anstrengung
wird anstrengungslos
anstrengung wird zu freude
das ist das dritte gebet

Kommentar: 
Die Malerin malt und spricht - malen und sprechen. Das Mantra

myo ho ren ge kyo
myo ho ren ge kyo
myo ho ren ge kyo

So wie man in der Meditation im Sitzen versucht den Geist auszurichten und die Aufmerksamkeit auf den Körper und die inneren Vorgänge zu lenken, kann man das auch bei allen anderen Tätigkeiten machen. Das kann ein Hobby sein, malen, Marathon laufen, ein Gebet oder die Ausrichtung auf ein Mantra. Ein Mantra ist eine Wortfolge mit oder ohne Inhalt, die über einen längeren Zeitraum wiederholt gesprochen wird. Es bedarf eines starken Willens, im Gedicht durch den Wind symbolisiert, immer wieder die Kraft aufzubringen bei der Übung oder der Tätigkeit zu bleiben. Derartige Tätigkeiten reduzieren die Ich-Identifikation. Es ist nicht mehr die Person, die malt, spricht oder läuft, sondern da ist nur noch malen, sprechen oder laufen.

Erinnerungen, alte Gefühle werden lebendig. Sie berührt die Kraft, Bilder steigen auf, Gefühle. 1 Bild, 3 Bilder, sie betet: myo ho ren ge kyo. Beten und Malen - Freude entsteht.

Jeder Mensch hat viel Energie, die durch das Denken in Vorstellungen und Ansichten, durch die Bewertung in «gut» oder «böse» verbraucht wird. Gelingt es aus dem Denken in Zukunft oder Vergangenheit in den Augenblick zu kommen, wird Energie frei. Jeder kennt solche Situationen, wo gerade nach schweren Tätigkeiten plötzlich Jubel aufkommt. Sei es beim Bergsteigen, einer schweren Arbeit, im Gebet oder beim Malen.

Die Anstrengung wird anstrengungslos. Anstrengung wird zu Freude. Das ist das dritte Gebet.

Jetzt hört auch die Anstrengung auf anstrengend zu sein, man kann mühelos arbeiten, braucht weniger Erholung. Auf einem Geburtstagsfest freuen wir uns mühelos. Anstrengung ist Widerstand gegen das, was wir gerade tun. Geben wir den Widerstand auf, wird aus der Anstrengung Freude.


4. prayer to the fire
Verzückung


ich sitze, ich atme
sitzen und atmen
die aufmerksamkeit gleitet ab
zu gedanken, geräuschen
zu schmerzen
und widerständen
- erkennen
zurück gehen zum atem
die konzentration wird stärker
nur noch der atem
der körper verliert seine grenzen
sitzen und strömen
verzückung
die erste versenkung
das ist das vierte gebet

Kommentar: 
Ich sitze, ich atme. Sitzen und atmen. Die Aufmerksamkeit gleitet ab, zu Gedanken, Geräuschen, zu Schmerzen und Widerständen.


Bei der Übung der Meditation, aber auch bei allen anderen Tätigkeiten im Leben gleitet die Konzentration und die Aufmerksamkeit immer wieder ab. Es gelingt den meisten Menschen nur kurz, sich ganz auf eine Sache zu konzentrieren. Das gilt für Abwaschen und Büroarbeit ebenso wie für die Meditation. Es sind vor allem die Sinnesorgane, die uns immer wieder ablenken. Das Denken ist in dieser Betrachtungsweise ebenso eine Sinneswahrnehmung wie Hören oder Schmecken oder das Fühlen eines Schmerzes. Der Widerstand gegen das, was man gerade tut, kann sich in den 5 Widerständen äußeren: durch Müdigkeit (1), Unruhe (2), skeptischen Zweifel (3), ablehnende Gedanken, Aversion (4) oder Sehnsucht nach Unterhaltung, Sinnenbegehren (5).

Erkennen. Zurück gehen zum Atem. Die Konzentration wird stärker, nur noch der Atem.

Sobald man erkennt, nicht mehr bei der Sache zu sein, geht man zu dem zurück, was man gerade tut. In der Übung der Meditation kann das der Atem sein. Im täglichen Leben sind die Ablenkungen so zahlreich, dass sie uns kaum auffallen. Anstatt die Arbeit voll konzentriert zu einem Ende zu bringen, quälen wir uns häufig schier endlos dahin. Training ist das, was wir bewusst üben. So wie bei körperlicher Übung die Muskulatur gestärkt wird, führt auch die wiederholtes Konzentrieren zur Fähigkeit den Geist zu sammeln und länger und leichter bei einer Sache bleiben zu können.

Der Körper verliert seine Grenzen. Sitzen und strömen. Verzückung. Die erste Versenkung. Das ist das vierte Gebet.

Diese Sammlung des Geistes erfolgt stufenweise. In der ersten treten merkwürdige Phänomen auf. Häufig werden ungewöhnliche Körperwahrnehmungen beschrieben. Sie können starkes Interesse und Faszination hervorrufen. Das Feuer der Verzückung kann lodern. Die erste meditative Versenkung wird daher auch Interesse oder Verzückung genannt. Sie tritt, ebenso wie die nachfolgenden, bei allen spirituellen Übungen auf. Nur wenige Lehrer beschreiben sie und üben bewusst damit. Ab der ersten Versenkung betritt man den eigentlichen spirituellen Weg. Nicht deshalb, weil dort eine besondere Einweihung oder so etwas stattfindet, sondern weil ab hier eine ganz besondere Freude entsteht. Eine Freude, die nicht bedingt ist. Üblicherweise freuen wir uns, wenn wir etwas bekommen oder erleben. Ein Geschenk, einen schönen Tag, eine liebe Begegnung. Spirituelle (bedingungslose) Freude entsteht, wenn es gelingt uns von den vielen Wünschen, Sorgen, Gedanken und Vorstellungen, die wir ständig haben, zu lösen.


5. prayer to the moon
Gelassenheit

kein gedanke ist da
sitzen und atmen
das leben

das ist das fünfte gebet

Kommentar:
Die nächste große Wende am geistigen Übungsweg kann eintreten, wenn es gelingt von der dritten in die 4. Versenkung zu kommen und in ihr zu verharren. Schon in den ersten drei Versenkungsstufen ist das typisch menschliche Denken (diskursives Denken) versiegt, aber es sind noch Gedankenbewegungen da (lineares Denken, intuitives Denken). In der 4. Versenkung hört die Gedankenbewegung auf. Es ist still wie im Mond.

Nun wird zwischen der Übung der Meditation im Sitzen und einem meditativen Leben immer weniger unterscheiden. Jede Sinneswahrnehmung bedingt immer ein Gefühl. Doch dort, wo aufgrund unserer Wahrnehmungen die Gefühlswogen früher hoch gingen, werden sie jetzt neutral. Das bedingt Gelassenheit, um die man sich gar nicht mehr bemühen muss. Sie ist einfach da.


6. prayer to the lotus
Sammlung


verzückung
freude
und ruhe
noch tiefer
kein gedanke ist mehr
atmen und leben
sonst nichts
das ist das sechste gebet

Kommentar:
Im Laufe des Prozesses, der durch deine spirituellen Übungsweg entsteht, werden immer mehr psychologische Probleme gelöst. Dadurch gelingt es, den Geist noch stärker zu sammeln. Er konzentriert und vertieft sich weiter. Die ersten drei Versenkungsstufen sind Verzückung, Freude und Ruhe. Danach kommt ein «hinabgleiten» in die 4. Versenkung. Die Gedanken kommen zum Stillstand. Auch im Leben kann man lernen das Denken einfach zu beenden. Mit diesem stillen Geist, bekommen die Probleme eine neue Wertigkeit. Sie sind nicht mehr etwas, was man so rasch wie möglich loswerden möchte, sonder Fingerzeige der Psyche. Die Probleme werden mit Verständnis durchdrungen, Auseinandersetzungen lösen sich durch Zuhören. Wie durch ein unsichtbares Tor betritt man ein neues Leben, alles wird offen und weit.


7. prayer to the earth
Gleichmut

nichts kann erschüttern
durchlässig der geist
keine berührung
und nichts berührt mehr
berührung in allem
ich berühre alles
und alles berührt mich
keine berührung
und nichts berührt mehr
das ist das siebte gebet

Kommentar:
Die Erde ruht in sich. So lange der Geist starr war, konnte uns jedes Wort kränken und verletzen. Wird er durchlässig, ist er wie das Schilf im Wind. Der Sturm bewegt es, doch es richtet sich immer wieder in die ursprüngliche Form. Gibt man sich dem Leben hin, wie das Schilf den Stürmen, ist das ein Leben, in dem das Ich all seine Konturen, sein Sprödheit und alle Anhaftungen verliert. So wird Berührung zu Nicht-Berührung, alles wird gleich. Das Leben bekommt einen Geschmack.

Die Gedichte sind dem Band «the seven prayers» von Beate Sandor (Bilder) und Peter Riedl (Texte) entnommen. Erschienen im Verlag Ursache & Wirkung, 2001, Wien.

Bestellung:
Das Buch kann im Octopus Verlag bestellt werden.



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  Auszug aus dem Buch «Auf ins Nirvana»